Okt 022013
 

Autoren dürfen nicht veröffentlichen, sondern erhalten auch noch Geld dafür. Mit dieser selbst Medienpessimisten skurril anmutenden Aussicht lockt der Chefredakteur des mittlerweile verebbenden Content-Portals Suite 101, Dirk Westphal, schreibhungrige Autoren zu seinem neuen Projekt Ticula. Wie der Mediendienst kress berichtet, soll die neue Medienplattform ganze digitale Themen-Magazine unter ihrem Dach bündeln. Und während  die Content-Farm Suite 101 Autoren lediglich an den Werbeumsätzen beteiligte, die den meisten Schreibenden eher dürftige Umsätze bescherten, wenn sie nicht gerade die ganz heißen Themen bearbeiteten, soll Ticula seine ausgewählten Teams von Anfang an honorieren. Bis zum 31. Oktober können sich interessierte Autoren für spezielle Themengebiete bewerben. Die Bandbreite reicht von Ticula-Abenteuer über Ticula-Technik bis zu Ticula-Partnerschaft und hält auch spezifischere Themen wie Fische, Freiheit oder Russland bereit. Wen die Aussicht auf kleinere Euro-Beträge, die bei Content-Farmen oft je nach Clickrate ausgezahlt werden, nicht mehr locken kann, für den ist ein festes Redaktionshonorar in Zeiten des “Transfermarktes Journalismus” (Journalist) sicher eine vielversprechende Aussicht. Ob das neue Geschäftsmodell des potenziellen Huffington-Post-Konkurrenten Westphal allerdings derart üppige Einnahmen garantiert, dass nicht nur höchst motivierte Berufsanfänger sondern auch angemessene Honrorare erwartende Profis damit begeistert werden, kann ich mir noch nicht vorstellen. Aber ich lasse mich gerne positiv überraschen.

Ist Twitter Literatur?

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Apr 172013
 

“Come over and do bring coke now” twitterte der schriftstellernde ehemals legendäre Totengräber des 80er-Jahre-Lifestyles (Unter Null, American Psycho) Bret Easton Ellis in einer Nacht im März. Die Reaktion des digitalen Boulevards erfolgte prompt: “It’s been EIGHT hours since Bret Easton Ellis seemingly tried to order a couple kilos of Colombian Marching Powder through Twitter and he still hasn’t deleted the message!!” erregte sich beispielsweise der gefürchtete Blogger Perez Hilton. Dabei hatte er nur einen Teil des Tweets zitiert? Ellis, der sich neben Ausflügen ins TV-Drehbuchgeschäft und einem schon vor seiner Veröffentlichung skandalträchtigen L.A-Film “The Canyons” pseudodokumentarischen literarischen Miniaturen per Twitter (knapp 400.000 Follower) widmet, schrieb über neue Roman-Gerüchte: “Zur allgemeinen Information: Es. wird. kein. neuer. Roman. geschrieben. Außer vielleicht The James Deen Story und etwas, das heißt ‘Komm vorbei und bring sofort Koks mit.’ (Spiegel 16/2013: 123).

Ein potenzieller Romantitel für bare Münze genommen? Unerschütterlicher Glaube an die zwangsweise Authentizität des beliebten Spontanmediums? Einem Romanautor in seinen Büchern biografische Zweitverwertung zu unterstellen gilt meistens noch als naiv. Bei Twitter scheint die Gier nach echtem Leben keine Fiktionen mehr zu akzeptieren.

Michael Latzer hat sich kürzlich in Medien & Kommunikationswissenschaft für eine “Analyse des Medienwandels als innovationsgetriebenem, ko-evolutionärem Prozess unter den Bedingungen von Komplexität” ausgesprochen. Ein minimales Komplexitätsniveau angesichts diverser Medienrevolutionen aufrechtzuerhalten heißt sicher auch, neben Prominews, Kriegsberichterstattung oder getwitterten PR-Maßnahmen auch ins Kurzschreibfach gewechselte Literaten als die Phantasten zu begreifen, die sie immer waren.

 

Quelle: Bildblog.de

Dass Boulevardmedien mit brachialen Schlagzeilen auch Politikthemen angreifen, wurde lange als unseriöser Journalismus gebrandmarkt: Titel wie “Bin ich dumm, wenn ich noch arbeite” oder “Deutschland sozialistischer als China” verblüfften allenfalls durch Kuriosität. Unterhaltungsorientiert, politikfern und gesellschaftlich weitgehend irrelevant leiste Politikberichterstattung im Boulevard aber keinen ernstzunehmenden Beitrag zu gesellschaftlichen Debatten. Diese boulevardkritische Haltung revidieren jetzt Katja Friedrich und Olaf Jandura in der aktuellen Ausgabe von “Publizistik” zumindest teilweise.

Aus klassischer Perspektive des liberalen Öffentlichkeitsmodells soll politische Berichterstattung die Bürger mit Informationen versorgen, um kompetent an politischen Entscheidungsprozessen mitwirken zu können. Sachliche Berichterstattung mit hohem inhaltlichen Anspruch ist dafür nötig. Eine Leistung, die den sogenannten Qualitätsmedien zugeschrieben wird. Da deren Reichweite jedoch beharrlich sinkt, bezweifeln die Autoren nun, dass diese ihrer Aufgabe noch umfassend gerecht werden können und fragen, “ob nicht auch Boulevardjournalismus zumindest ansatzweise politische Funktionen erfüllen kann”.
Friedrich und Jandura berufen sich dabei auf das partizipative Öffentlichkeitsmodell, wonach möglichst viele Gesellschaftsschichten zielgruppengerecht angesprochen werden sollen. Genau das leiste Boulevardjournalismus. Wenn er etwa die Perspektive des von politischen Entscheidungen betroffenen Durchschnittsbürgers einnehme, Eliten kritisch beäuge oder vor allem emotionale und personalisierte Geschichten erzähle.

Kurz gesagt: Besser der Boulevardstil erreicht politikferne Gruppen effektiv, als dass diese Gruppen sich vollständig aus dem politischen Diskurs verabschieden. Alternative Politikvermittlung als Beitrag zur demokratischen Kultur, auch wenn Qualitätsjournalisten darüber die Nase rümpfen.

Sit down and bleed

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Nov 212012
 

Muss man sich beim Schreiben derart zerrütten, dass man zwangsläufig zugrunde geht? Man muss, wenn man denen glauben darf, die tatsächlich durch Suizid, Schnaps oder andere Elixiere der Verzweiflung dahingerafft wurden. Und die meisten wussten es frühzeitig. “There is nothing to writing. All you do is sit down at a typewriter and bleed”, beschreibt schon Hemingway das Dilemma. Die Frage was zuerst da war, die Todessehnsucht oder der Schreibzwang diskutiert ganz erhellend Litreactor.
Passend zum Thema bringt der Heyne-Verlag eine lange überfällige Sammlung eines weiteren Kopfschussopfers heraus. Gonzo-König Hunter S. Thompsons frühe Werke aus den Rolling-Stone-Jahren. Eine gute Ergänzung zur deutschsprachigen Hunter-Bibliothek, auch wenn Puristen selbstverständlich nur das englische Original lesen. In Auszügen zum Beispiel hier verewigt. The Great Thompson Hunt.
Und auch Thompson hat das angenehme Leben bei vollem Bewusstsein dem Schreiben geopfert: “For every moment of triumph, for every instance of beauty, many souls must be trampled.”

Schmutzige Geschäfte?

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Nov 202012
 

Offensiver Sarkasmus ist für assoziative Sprachspiele als Instrument knackiger Zuspitzung in der Werbung kein Tabu mehr. Dieser Claim eines Anbieters mobiler Toiletten verdirbt mit seit Wochen den Appetit aufs Frühstück, beeindruckt mich aber auch durch seine frappierende Aufrichtigkeit. Von Franken-WC könnten auch Investmentbanken und Bestattungsunternehmer lernen. „Ihr Verlust ist unser Gewinn.“ Brutale Ehrlichkeit als Werbetrend. Nicht neu. Diese Idee setzt beispielsweise Viktor Hertz seit geraumer Zeit mit seinen „Honest Logos“ zu entlarvenden Offenbarungen um.

Nov 132012
 

„Das Ziel des Schreibens ist es, andere sehen zu machen“, behauptete einer, der es konnte: Joseph Conrad. Doch ohne selber zu sehen, kein Sehenlassen.
Daher: Herausforderung für die journalistischen Einsteiger im ersten Semester Technikjournalismus: Rechercheauftrag jenseits von Pressemeldungen, Google oder E-Mail. Die Realität ruft. Für Erkundungen, Beobachtungen und vor allem Einblicke ins Leben fremder Menschen stürzten 70 Studierende aus dem kuscheligen Hörsaal an die üppigen Tröge Nürnberger Wirklichkeiten. Mit der Lizenz, aufdringliche Neugierde auch zu markanten Ergebnissen gerinnen zu lassen. Zwei Stunden Zeit für eine Mini-Reportage von 1000 Anschlägen.

Das Ergebnis spiegelt die ganze Bandbreite mehr oder minder ausgeprägten Anfängerelans: Von der Erfahrung omnipräsenter Nichtigkeiten bis zur Enttarnung verdächtiger Randgestalten des Wimmelns auf öffentlichen Plätzen. Von den Sorgen der Brezenverkäufer im Weihnachtswürstchenwahn bis zu erspähten Kollisionen fremder Gestalten.

Befund 1: Wer erst einmal angefangen hat zu sprechen, hört nicht so schnell wieder auf.
Befund 2: Wer nur lange genug den auffällig suchenden Blick schweifen lässt, wird auch ohne eigenes Zutun plötzlich selbst zum Ziel von Sozialexhibitionisten. Paradoxe Recherche – Angriff der Wirklichkeit. Und das ohne Kamerakrimskrams – nur mit dem archaischen Schreibblock in der Hand.

Nov 072012
 

Das Studierenden-Projekt “Querschrift” der Georg-Simon-Ohm-Hochschule ist aus dem Sommerschlaf erwacht. Zwei Semester erstürmten den Maschinenbaugipfel in Berlin und fühlten den mit gewohnt üppigem Selbstbewusstsein angetretenen Batallionen des deutschen Ingenieurwesens auf den Zahn. Zu den manchen Laien verblüffenden Erkenntnissen gehört: Auch die vermeintlich kommunikativ eher bodenständigen Maschinenbauer setzen mittlerweile auf Social Media.

Okt 302012
 

Die Debatte um versuchte Einflussnahme auf die heute-Redaktion spült die Frage nach der grundsätzlichen Unabhängigkeit des Journalismus auf die Tagesordnung. Dass die Pressefreiheit durch übermütige Parteisprecher in Gefahr geraten kann, darf man dabei bislang als eher übertrieben paranoide Befürchtung betrachten. Schließlich gehört Beeinflussung im Sinne der Klienten zum Job jedes Pressesprechers, wenn diese auch zumeist in subtilerem Modus agieren. Es kommt von Seiten der Journalisten aber darauf an, entsprechend zu reagieren und einer Manipulation entgegenzutreten. Aber auch das zählt zu den fundamentalen Erwartungen, die man vor allem gegenüber politischen Journalisten hegen darf.
Und die verkraften damit auch die breitschultrig vorgetragene Selbstverständlichkeit: “Journalisten-Bedrohung ist okay”.
Wie leichtschultrig man das Problem dagegen auch bewältigen kann, zeigt die Anekdote des ehemaligen Vize-Chefs des Bayernteils der SZ: “Als mich der Sprecher der bayerischen Landtags-SPD bedrohte”.
Opfer einer Bedrohung zu sein als Selbstvergewisserung eigener Bedeutung. Wer in diesen Tagen auf keinen Drohanruf in seiner journalistischen Karriere zurückblicken kann, muss sich womöglich bald verdächtigen lassen, einfach schon immer zu angepasst für eine Attacke aus der brutalen Welt der Pressepolterer gewesen zu sein.

Sep 142012
 

Den Suchalgorithmus von Google brachten zeitweilig schon die Buchstaben be dazu, den Suchvorschlag “Bettina Wulff escort” zu ergänzen. Amazon-Kunden-Tags sorgen dafür, dass auf der Produktseite des Buches der Ex-Präsidenten-Gattin reihenweise Milieu-Biografien als Kaufempfehlung auftauchen. Dass Nico Hofmann jetzt das Leben der Dame verfilmen will, ist der konsequente Peak einer Aufmerksamkeitsspirale, die vor allem auf der mythischen Kraft der – vermutlich rein fiktiven – Idee einer sich prostituierenden First Lady beruht. Welche Metaebene auch immer bemüht wurde. Gerüchtetheoreme in der SZ, die simple Wendung des Verleumdungsvorgangs in BILDs „Bettina Wulff wehrt sich gegen Huren-Gerüchte“, oder Internetarchäologie, die Fotos jener Lady Victoria aus dem Chateau Osnabrück aus dem Daten-Orcus wieder nach oben spülen. Ob plumpe Rekonstruktion vermeintlicher Vergangenheiten oder Betrachtungen mediale Wirrnisse. Alle Beteiligten stricken an der modernen Form der Mythen, die sich bereits um die Gattin des römischen Kaisers Claudius, Valeria Messalina, rankten. Sie verbergen es nur hinter vermeintlich ernsthafteren journalistischen Vorhaben. Die Kombination aus Nähe zur Macht und Wille zur allgemeinen Verfügbarkeit wird zum sich selbst reproduzierenden Medienereignis. Die mediale Selbstoffenbarung der Autorin ist dafür ein weiteres Sinnbild.
Allerdings dürfte die Bedeutungshoheit in diesem Mythenkomplex schwer zu erringen sein. Denn moderne Mythophorie trägt selbst klassische Motive in ungeahnte Gefilde. „Der Mythos verbirgt nichts und stellt nichts zur Schau. Er deformiert. Der Mythos ist weder eine Lüge, noch ein Geständnis. Er ist eine Abwandlung“, schreibt Roland Barthes in seinen Mythen des Alltags. Und die Geschwindigkeit der Metamorphosen des Mythos nimmt in Zeiten von social media, wenn die einstigen Konsumenten der Mythen an ihnen mitstricken dürfen, beharrlich zu. Verrückt und verloren, wer sich selbst zum Gegenstand einer solchen Dynamik macht oder machen lässt.

Freiheit für Tweets?

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Mrz 012012
 

Darf eine Zeitung frei umherschwirrende Tweets ungefragt in handfester Druckerschwärze veröffentlichen? Die Verunsicherung über diese Frage hat die Tageszeitung WELT kompakt dazu gebracht, künftig keine “Tweets des Tages” mehr auf ihrer Titelseite zu drucken. Die Tageszeitung berichtet, Nutzer hätten sich über diese Praxis beschwert.
Die Frage ist tatsächlich heikel. Schließlich lassen sich Tweets online problemlos und geduldet oder erwünscht retweeten. Ist es da etwas anderes, wenn sie auch gedruckt werden?
Urheberrechtlich sollten zunächst einmal die strengen Maßstäbe des Prinzips, dass Veröffentlichungen natürlich zugestimmt werden muss, gelten. Andererseits können Juristen argumentieren, es handele sich bei Tweets um Zitate und deren Veröffentlichung per Twitter verwandele sie in publizistisches Freiwild.
Vielleicht ließe sich das Problem jedoch mit einer Maßnahme lösen, die schon so manchen Urheberrechtsstreit entschärft hat. Indem die “Welt” die Urheber der Tweets des Tages schlichtweg mit einer Honorarzahlung entlohnt.

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